Ich habe sie nur nicht gesehen.
Hallo du Wundervolle,
wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, frage ich mich manchmal, warum ich es nicht früher bemerkt habe. Die Zeichen waren da. Nicht nur eins oder zwei. Es waren viele. Aber jedes einzelne habe ich erklärt. Nie hinterfragt.
Ich war schon als Kind hilfsbereit und verantwortungsbewusst. In der Schule habe ich die Aufgaben übernommen, für die sich niemand gemeldet hat. Wenn Freunde Unterstützung brauchten, war ich da. Das hat sich auch im Erwachsenenalter nicht verändert.
Als ich mit meinem damaligen Langzeitpartner zusammengezogen bin, habe ich ihm immer mehr in seiner Firma geholfen. Gleichzeitig habe ich den Haushalt übernommen. Für mich war das selbstverständlich. Er hatte so viel zu tun, also habe ich eben gemacht, was gemacht werden musste. Neben meinem Vollzeitjob. Neben meinem Studium.
War das anstrengend? Natürlich.
War ich oft müde? Ja.
Aber ich habe mir eingeredet, dass das eben dazugehört.
Mein Studium wollte ich schließlich schaffen. Im Job habe ich mehr Verantwortung übernommen, weil man mir vertraut hat. Meine Mutter wollte mich sehen, also bin ich hingefahren. Meine Schwester brauchte Hilfe, also war ich da. Eine Freundin hatte Liebeskummer und ich bin sofort losgefahren. Danach warteten noch der Wäscheberg und das Abendessen.
Damals hätte ich gesagt: Das ist doch völlig normal.
Wenn mich jemand beschrieben hätte, wären wahrscheinlich Worte gefallen wie hilfsbereit, zuverlässig, verantwortungsbewusst oder stark.
Heute würde ich sagen: Die Zeichen waren schon damals da.
Ich habe sie nur nicht als Warnzeichen erkannt.
Nicht, weil ich sie nicht sehen wollte, sondern weil ich für alles eine Erklärung hatte.
„Kein Wunder, dass ich müde bin. Ich studiere ja nebenbei.“
„Kein Wunder, dass ich erschöpft bin. Ich habe gerade einfach viel um die Ohren.“
„Das wird schon wieder besser.“
Jedes Gefühl hatte eine logische Erklärung. Deshalb habe ich nie hinterfragt, ob vielleicht nicht mein Alltag das eigentliche Problem war.
Erst einige Jahre später wurde mir zum ersten Mal gespiegelt, dass ich eigentlich nur noch funktionierte.
Nach einer sehr belastenden Zeit, einer Trennung und einer Beziehung, in der ich immer mehr Verantwortung übernommen habe, wurde ich Ende 2021 wegen einer Depression in einer Tagesklinik behandelt.
Dort sagte man mir, dass ich die ganze Zeit nur noch funktioniere.
Meine Reaktion?
„Ach was. Ich habe einfach nur eine schlechte Phase. Das wird schon wieder.“
Heute muss ich über diesen Satz fast schmunzeln.
Damals habe ich ihn wirklich geglaubt.
Nach der Therapie ging es mir eine Zeit lang besser. Doch schon kurze Zeit später war ich wieder mitten in den gleichen Mustern.
Ich kümmerte mich weiter um alles und jeden. Ich strengte mich an. Ich wollte, dass alles funktioniert.
Und genau dabei verlor ich mich immer mehr. Heute würde ich sagen, dass ich Raubbau an mir selbst betrieben habe.
Wenn ich heute an diese Zeit zurückdenke, fühlt es sich an, als wäre ich ein Roboter gewesen.
Ich habe funktioniert.
Mehr nicht.
Vielleicht erkennst du dich bis hierhin schon ein wenig wieder.
Vielleicht sieht dein Leben ganz anders aus als meines.
Und trotzdem fühlen sich einige dieser Situationen vertraut an.
- Du freust dich den ganzen Tag auf einen ruhigen Abend. Kurz vorher bittet dich jemand um Hilfe und du sagst sofort zu.
- Du kommst erschöpft von der Arbeit nach Hause und erledigst erst einmal alles, was noch gemacht werden muss, bevor du überhaupt an dich denkst.
- Du sagst auf der Arbeit automatisch „Klar, mache ich“, obwohl dein eigener Kalender längst voll ist.
- Du hast ständig ein schlechtes Gewissen, wenn du einfach mal nichts tust.
- Jemand fragt dich, wie es dir geht. Du antwortest automatisch: „Gut.“
- Du weißt genau, was andere gerade brauchen. Aber wenn dich jemand fragt, was du selbst brauchst, musst du erst einmal überlegen.
Das alles wirkt für sich genommen vielleicht gar nicht besonders.
Genau das ist das Tückische. Denn wer würde denn schon sagen, dass man Freunden nicht hilft oder als Mutter trotz tierischer Kopfschmerzen nicht doch am Abend vorher noch schnell einen Kuchen backt, weil das Kind vergessen hat vorher Bescheid zu sagen.
Denn Funktionieren beginnt selten mit einem großen Knall.
Es beginnt mit vielen kleinen Momenten, in denen wir uns selbst immer wieder hinten anstellen.
Bei mir hat es Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, was eigentlich hinter all dem steckte.
Erst durch mein Coaching begann ich wirklich zu erkennen, welche Muster mich mein ganzes Leben begleitet haben. Zum ersten Mal habe ich verstanden, dass es nicht darum ging, noch belastbarer zu werden. Es ging darum, überhaupt wieder zu lernen, mich selbst wahrzunehmen. Denn mich und meine Bedürfnisse habe ich durch das Funktionieren aus den Augen verloren.
Vielleicht war das gerade nicht nur meine Geschichte
Vielleicht hast du beim Lesen gemerkt, dass du dich in einigen Situationen wiedererkennst.
Vielleicht auch nicht.
Und beides ist völlig in Ordnung.
Wenn du dich jetzt fragst: “Oh Gott.. Das bin ja ich! Wie kann ich das ändern?” Dann möchte ich dir sagen: Erst mal durchatmen.
Es geht nicht darum, dir heute zu beweisen, dass du „alles falsch“ gemacht hast. Es geht auch nicht darum, dass du ab morgen ein völlig anderer Mensch sein musst.
Mir war lange gar nicht bewusst, dass ich nur noch funktioniert habe. Und selbst als andere mich darauf aufmerksam gemacht haben, konnte ich es noch nicht wirklich annehmen.
Veränderung beginnt nicht mit einem perfekten Plan.
Sie beginnt mit dem Moment, in dem wir ehrlich hinschauen. Mit dem Satz: „Vielleicht geht es mir gerade gar nicht so gut, wie ich immer dachte.“
Und genau dieser Moment kann der Anfang von etwas Neuem sein, was dir im Leben mehr Positives und mehr Power gibt.
Deshalb möchte ich dich heute nur um eine Sache bitten:
Versuche nicht, morgen dein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen und alles auf einmal zu ändern.
Frag dich stattdessen nur eine einzige Frage:
Was könnte ich heute nur für mich tun?
- Es muss nichts Großes sein.
- Vielleicht ist es der Kaffee in Ruhe am Morgen
- Zehn Minuten in der Badewanne
- Ein Spaziergang ohne Handy
- Oder einfach ein Moment, in dem du tief durchatmest
Denn du musst dir dein Leben nicht auf einmal zurückholen.
Es reicht, wenn du heute den ersten kleinen Schritt zurück zu dir selbst gehst
♥️
Im nächsten Artikel möchte ich mit dir darüber sprechen, warum es sich oft erst einmal schlimmer anfühlt, wenn wir anfangen, diese Muster überhaupt zu erkennen. Denn genau das habe ich selbst erlebt – und ich glaube, dass viele genau an diesem Punkt wieder aufgeben.

